Fixierung? Bei uns nicht!

Das St. Vinzenz-Haus setzt stattdessen auf Fatboy und Niederflurbetten

Fixierung „zum eigenen Schutz“, so hieß es noch vor ein paar Jahren, wenn ein Bewohner in einer Altenpflegeeinrichtung mittels Bettgitter oder Gurten in seinem Bett fixiert wurde. So sollten demente oder unruhige Menschen vor Stürzen oder Verletzungen bewahrt werden. Häufig nahmen Krankenkassen die Heime in Regress, wenn ein Bewohner gestürzt war. Fixierung ist heute in viele Einrichtungen der stationären Altenpflege völlig undenkbar.

„Ich kann mich noch gut an meine Zeit als Berufsanfängerin erinnern“, erzählt Silke Capani. „Die Fixierung gehörte abends oft zur Vorbereitung auf die Nachtruhe.“ Sie habe Gedanken an die Menschen immer mit nach Hause genommen. Inzwischen ist sie als Heim- und Pflegedienstleiterin im St. Vinzenz-Haus tätig und engagiert sich im Bündnis gegen Fixierung der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft Gelsenkirchen (PSAG). Gemeinsam haben die Mitglieder der PSAG unter anderem ein Qualitätshandbuch entwickelt, das Verfahrensanweisungen gegen freiheitsentziehende Maßnahmen enthält und als Standard in der Pflege- und Betreuungseinrichtung angewendet wird. Ein eigenmächtiges Einleiten von Fixierungsmaßnahmen ist dort eindeutig untersagt. FEM gelten als eine Form der Gewalt und stellen sogar eine Art der Freiheitsberaubung im Sinne des Strafgesetzbuches dar. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe haben sich zum Ziel gesetzt, alternative Möglichkeiten zu entwickeln und einzusetzen. Sie wollen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der Bewohner erhalten und fördern.

Im St. Vinzenz-Haus wird dies gelebt. Silke Capani weiß sich da einer Meinung mit ihrem Team. Bereits beim Einzug in das St. Vinzenz-Haus ermittelt eine Mitarbeiterin  gemeinsam mit dem künftigen Bewohner und seinen Angehörigen, ob ein erhöhtes  Risiko für Stürze besteht. Bei  positivem Resultat erarbeitet ein multiprofessionelles Team individuelle Lösungsansätze. Im Gespräch äußern Senioren und Angehörige mitunter dann auch die Bitte nach einem hochgezogenen Bettgitter für die Nachtruhe. Sie fühlen sich dann sicher, zum Beispiel, wenn Erkrankungen wie Epilepsie vorliegen.

„Wir sehen die Fixierung als menschenunwürdig an“, betont Silke Capani. Im St. Vinzenz-Haus setzt man stattdessen auf Niederflurbetten, Abrollmatratzen oder Stoppersocken für Bewohner, die unruhig sind und nachts aufstehen. Sie können sich in Sitzsäcke, so genannte Fatboys, kuscheln und dort zur Ruhe kommen. Senioren mit einem ausgeprägten Bewegungsdrang, können RCN-Walker nutzen. Wie bei einem Rollator haben sie hier die Möglichkeit, sich zwischendurch hinzusetzen und sich auszuruhen. Diese Maßnahmen können Stürze zwar nicht verhindern, aber ihre Folgen reduzieren. Und das wichtigste: die Lebensqualität bleibt erhalten.